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Meine erste Begegnung mit einer Puppe endete mit ihrer Zerstörung.
Ich war vier Jahre alt und hatte mir zu Weihnachten Ross und Wagen,
einen Bauernhof mit allen Tieren und weiteres »Bubenspielzeug«
gewünscht: Unter dem Christbaum lag stattdessen eine Babypuppe,
deren Leben zu kurz für eine Namensgebung werden sollte. Es war
eine Gliederpuppe, deren Gliedmaßen mit einer Gummischnur zusammengehalten
waren, wie ich sehr bald feststellte. Wie das Innere aussah, das wollte
ich den Erzählungen nach sofort wissen. Begreifen heißt Zerlegen,
das hat sich in vieler Hinsicht später bewahrheitet ich
zerrte so lange an Armen und Beinen, bis die Schnur riss; der Kopf war
mit einem festen Dreh vom Torso getrennt. Angeblich hätte ich die
einzelnen Teile den Kühen in der Nachbarschaft vorgesetzt: etwa
aus Rache am Christkind für die Nicht-Einhaltung meines dringlichen
Wunsches? Puppen haben mich erst in der Pubertät zu interessieren
begonnen, da bekam ich aber keine mehr; so musste der Teddybär
des Bruders herhalten für Mutterschaftsspiele mit Crèmes
und Windeln, bis sein Fell ranzig wurde und mein Bruder böse.
Meine zweite Begegnung war eine vergleichsweise brave: Zum 60. Geburtstag
meines Vaters wurde ein Kasperltheater aufgeführt. Ich erinnere
mich eigentlich nur an die von einem befreundeten Maler hergestellten
Kulissen mit ihren großartigen Perspektiven: Ein Wald etwa, in
dem sich bereits der Blick beim Verfolgen eines gewundenen Weges verlor,
bevor überhaupt eine Puppe auftreten konnte, um sich zu verirren.
Für das Puppenspiel war ich offensichtlich noch zu klein, also
spielte ich den Conférencier: Der Text war gereimt und musste
auswendig vorgestellt werden meine erste Erinnerung an Lampenfieber
und die Peinlichkeit, sich leibhaftig vor ein Publikum hinzustellen.?
Durch den Beruf meines Vaters Willy Reichert, er war Schauspieler, Komiker
genauer gesagt (wenn es stimmt, dass der Komiker ein wortkarger und
introvertierter Mensch ist, dann war er ein echter Komiker), hab ich
bereits sehr früh Schauspieltheater erlebt. Wenn es Vorstellungen
mit dem Vater waren, war die Mischung meiner Gefühle eine zwischen
Bewunderung und Peinlichkeit. Er trat oft in Komödien und Schwänken
auf, die er allerdings mit seiner großen Darstellerkunst adelte
(seine Zeit im Varieté hab ich leider nicht erlebt). Traditionsgemäß
kam der Hauptdarsteller nicht zu Anfang des Stücks auf die Bühne;
zuerst musste mächtig über ihn dialogisiert werden, um dem
Stück gröbere einführende Längen zu ersparen. In
der 2. oder 3. Szene trat er dann durch die einzige Tür des Salons,
aus der noch niemand auf- oder abgetreten war
tosender
Applaus! Aber der konnte ja nicht der Rolle gelten, das wurde mir schon
sehr früh klar, denn diesen Monsieur kannte ja noch niemand
er galt also der Person meines Vaters: Ich empfand das einerseits als
»Frechheit« des Publikums, er g e h ö r t e ja schließlich
eher mir, andererseits genierte ich mich, als hätte man mich »ertappt«,
und wollte mich verkriechen. Als mein Schauspiellehrer für eine
Schulaufführung von Was ihr wollt war er wahrscheinlich ein sehr
guter, weil gnadenlos strenger Lehrer oder ich wirklich eine
fürchterlich unbegabte Schülerin fest steht, dass ich
das im Verborgenen hinter der Bühne »Spielen« später
weit mehr schätzen gelernt habe.
Es folgten mehrere Besuche sowohl des Münchner wie auch des Salzburger
Marionettentheaters. In München spielte man die Karl Orffschen
Opern, in Salzburg diktierte Mozart den Spielplan. Ich fragte mich,
ob es nur die elterlich angeordneten Pflichtbesuche waren, die diese
Aufführungen mit der Zeit langweilig werden ließen, oder
doch die vom Publikum aus gesehen hermetisch geschlossene Form der Darbietung:
klein und weit weg die Puppen an ihren Fäden schwebend in einem
Zauberrahmen mit wunderbarem Licht, aber nicht wirklich er-fassbar,
be-greifbar in ihren Gesetzen der Bewegung; dem Zuschauer, mit Noblesse
zwar entrückt, sich jedoch weitgehend entziehend!
Erst einige Jahre später, als ich 1971 von meinen Eltern zum 21.
Geburtstag eine gemeinsame Reise nach Moskau geschenkt bekam, verwandelte
sich durch eine Inszenierung des Puppenspielers und Leiters des Staatlichen
Puppentheaters Sergej Obraszov, die wir uns ansahen, mein Interesse
in eine anhaltende Lust, das plötzlich direkt erlebbare, in seinen
inneren Gesetzen offengelegte Spiel mit Puppen weiterhin zu verfolgen.
Aus dem Reisetagebuch der Eltern:
Wir fanden uns als möglicherweise einzige Touristen in einem spärlich
beleuchteten Zuschauerraum voller lärmender Russen im erst kürzlich
eröffneten Neuen Staatlichen Puppentheater. Man gab die Göttliche
Komödie, weiß Gott ein Glücksfall, da der Stoff so bekannt
ist, daß wir die Szenen auch ohne Sprachkenntnisse miterleben
konnten eine unserer Lieblingsszenen war dann allerdings die
Bevölkerung des Meeres: Gott Vater (Obraszow selbst) und seine
2 Erzengel sitzen auf einer Wolke und werfen Fischdosen und -gläser,
die ihnen von einem Assistenten-Engel aus einem Einkaufsnetz gereicht
werden, durch ein Loch in den Wolken hinunter in das Meer, das »unter«
der Bühne liegt lautes Aufklatschen im Wasser eine
der Konserven, deren Namen angesagt wurden, war »Rollmops«
(wir waren die einzigen drei, die hier laut auflachen mußten!)
Die Schauspieler, die mehrere Puppen wie Adam, Lilith und Eva führten
und auch das erschaffene Getier, sind wundervoll. Der Meister Obraszov
als Gottvater, wie einer Kitschpostkarte entnommen, wahrhaft himmlisch!
Grotesk komisch beginnt das erste Bild mit der Erschaffung des Firmaments
und die war nachvollziehbar: Gottvater und einige Engel streichen
den weißen Bogen, der sich als Proszenium über die Vorderbühne
wölbt, blau an. Dann erschaffen sie die Sterne, in dem sie mit
Steinschleudern in den Himmel schießen: Bei jedem Schuß
ein leuchtender Punkt! Durch das Loch in der Wolke werden dann Steine
(= Gebirge) und die Tiere, das waren aufgeblasene Gummitiere, zur Erde
befördert. Dann »schweben« die drei hinunter auf die
Erde, zu sehen, ob es »gut« war das ist so bezaubernd
in den sich über sich selbst lustig machenden Bewegungen, dazu
herrlich gebauschte Gewänder (Sixtina) Sonderapplaus! Obwohl
alles so grotesk war, war nichts Blasphemisches daran. Obwohl
nichts mit »Trick« geschah, vieles bloßgelegt wurde
und ganz offen gezeigt, kippten wir sofort in die Magie des Puppenspiels,
so als würden die ganz von selbst und ohne ihre Spieler agieren.
Unvergeßlich die Erschaffung des ersten Paares, das schlechte
Benehmen der rothaarigen Lilith, der Zorn ihres Schöpfers, der
sie wieder in ihre Bestandteile zerlegt und wegwirft und schließlich
die Operation (samt OP-Tisch usw.), mit Hilfe derer Eva aus Adams Rippe
Stück für Stück gebaut wird. Wundervoll der Schluß:
Die Schlange erscheint, es war der eine Erzengel, der hinter dem Baum
der Erkenntnis stand, er zieht über den einen Arm das Vorderteil
mit Kopf, über den anderen den Schwanz der Schlange und mimt so
den Verführer wofür er dann von einem weißen
Engel in einen schwarzen Teufel verwandelt wird.
Erst viele Jahre später wurde mir klar, welchen Meister des Puppenspiels
und Vorläufer einer ganz neuen Art von Figurentheater ich da gesehen
hatte. In den Jahren danach folgten viele Tätigkeiten und Übungen,
die von heute aus gesehen, als Vorbereitung und Einübung für
die Prinzipalin eines Puppentheaters von unschätzbarem Wert waren:
Ein soziales Jahr in einem Krankenhaus; die Ausbildung zur Bibliothekarin,
dann kurz, aber heftig, eine »eigene« Buchhandlung (die
Filiale der Münchner Autorenbuchhandlung am Wiener Platz in München):
erste Kontakte zu Autoren, deren Texte heute im Repertoire des Kabinetttheaters
zu finden sind.
Die ersten mechanischen Puppen entstanden zusammen mit dem Schriftsteller
Helmut Eisendle, der nach einem schweren Unfall das Schreiben aufgeben
wollte und sich an den Lehrberuf des Telefonmechanikers erinnerte und
in dieser Zeit wundervolle Mechaniken, Musikwerke etc. in meine Puppen
einbaute. Später nahm er die Schriftstellerei wieder auf, blieb
jedoch für einige Jahre mein »Puppendoktor«. Angeregt
durch die Künstlerin Burgis Paier zogen wir von Bayern nach Friuli.
In Trieste sah ich einige sehr eindrucksvolle Aufführungen auf
einer Art Experimentierbühne des Theaters Rossetti mit den Puppen
des friulanischen Puppenbauers und -spielers Podrecca. Leider gibt es
diese Bühne längst nicht mehr. Ich hatte gerade noch das Glück,
einem Meister seines Fachs beim Restaurieren einiger dieser Figuren
assistieren zu können.
Meine erste Ausstellung fand in Triest 1981 anlässlich eines Nihilismus-Kongresses
im Goethe-Institut statt: Mechanische Puppen mit Spielwerken und Namen
wie »Verlassene Braut«, »Onanierender Faun«,
»Ein Körper aus Wunsch und Vorstellung« oder »Froschkönigin
der Nacht« etc. in Schaukästen, die ein wenig einem Theaterraum
nachempfunden waren. Die meisten dieser Figuren konnte ich verkaufen;
Künstler wie Günter Brus und seine Frau Ani, Günter Schimunek,
Hedi Wasserthal und Barbara Frischmuth begannen sie zu sammeln. Das
Münchner Stadtmuseum kaufte eine Figur für seine ständige
Sammlung. Im selben Museum findet sich eine Porträtpuppe meines
Vaters aus den 1950er Jahren neben einer von Karl Valentin, worüber
ich sehr stolz bin.
1983 Umzug nach Graz: Dort entstanden Puppen zu einer Ausstellung in
der Kongresshausgalerie in Graz mit Kostümen von Aglaia Lang (Sati(e)re,
Katalog zur gleichnamigen Ausstellung mit einem Vorwort von Wolfgang
Bauer: »Puppen spielen«). Felicitas Feilhauer, Werbefachfrau
und Puppenliebhaberin des Hanser-Verlags in München, sah auf der
Frankfurter Buchmesse 1981 meine erste Werbefigur, die Puppe »Skinfaxi«
nach den Illustrationen von Rotraut Susanne Berner zu dem gleichnamigen
Buch von Helmut Eisendle, das im Rainer-Verlag in Berlin erschienen
war. Dadurch kam es zu einer fruchtbaren Zusammenarbeit mit dem Hanser-Verlag:
Als Werbefiguren für die Frankfurter Buchmesse entstanden unter
anderem Cosimo aus Der Baron auf den Bäumen und »Marcovaldo«
aus Marcovaldo oder die Jahreszeiten in der Stadt von Italo Calvino;
»Sophie« aus Sophies Welt von Jostein Gaader; mehrere Figuren
aus Sonst noch was von Elke Heidenreich nach Illustrationen von Bernd
Pfarr, ein Papiertheater zu Goethes Hexeneinmaleins nach IIlustrationen
von Wolf Erlbruch; der »Zahlenteufel« aus dem gleichnamigen
Buch von Hans Christian Enzensberger, illustriert von Rotraut S. Berner;
einige Schutzengel aus Das Schutzengelbuch von Hans Draxler; Szenen
aus Schinken und Ei von John Saxby nach den Illustrationen von Sabine
Wilhan und eine Porträtfigur von Umberto Eco anlässlich der
Präsentation seines Romans Das Foucaultsche Pendel (alle Hanser
Verlag).
1986 fertigte ich im Auftrag des steirischen herbstes Masken und Kopfbauten
nach Figurinen von Günter Brus zu dem Theaterstück Erinnerungen
an die Menschheit von Gerhard Roth an, das im Schauspielhaus Graz uraufgeführt
wurde. Zur gleichnamigen Ausstellung der Figurinen von Günter Brus
präsentierte ich vier Puppentheater-»Installationen«
mit den auf Puppenformat verkleinerten Protagonisten des Stücks
im Künstlerhaus Graz. Hier hatten die Puppen wie die Schauspieler
auf der Bühne Masken auf; die »tote« Maske auf dem
leblosen Körper bekam etwas überraschend Lebendiges, als würden
die Puppen mit ihren Augen hinter der Maske hervorblinzeln. Otto Breicha,
der damalige Leiter des Künstlerhauses, wurde Jahre später
zu einem Fan der Aufführungen des Kabinetttheaters. Er brachte
mir René Altmann, den beinahe vergessenen Autor der Wiener Gruppe,
näher, dessen Stück Rummelplatz wir ebenfalls uraufführten.Letzte
Übungen in Richtung Puppentheater waren die Jahre, in denen ich
malte und Reisen nach Mexiko und Kanada unternahm, wo ich einige Monate
in Ingrid und Oswald Wieners Restaurant »Climes Café«
das Kochen perfektionierte.
Alle diese verschiedenen Aktivitäten möchte ich heute als
Grundstock für mein Theater bezeichnen. Aber erst mit meinem damaligen
Mann Christoph Widauer, der Musikmanager und Intendant der »styriarte«
war, wurde ein längst gehegter Wunsch Realität: In einem aufgelassenen
Pfarrkindergarten in Graz, einer Art Loft mit einem Bühnenausschnitt
in seinem Zentrum, entstand, zuerst als einmaliger Abend für Freunde
und Bekannte, die erste Aufführung von »Julia Reicherts
Kabinetttheater«, quasi als Weihnachtsgeschenk für einander
und an die Zuschauer. Zuerst wagte ich mich noch kaum an Theaterliteratur:
Unter einigen »Tableaux vivants«, kleinen Szenen mit Musik,
fand sich aber bereits ein Stück von Daniil Charms, einem Lieblingsautor
von mir und, wie sich herausstellen sollte, auch von Olga Neuwirth,
die ich in den 1980er Jahren mit ihrer Familie im Dunstkreis der Künstlerkolonien
in der Südsteiermark kennengelernt hatte und von der gerade bei
den Wiener Festwochen erste Miniopern mit einem Libretto von Elfriede
Jelinek aufgeführt wurden. Christoph Widauer erwies sich als äußerst
begabter Bühnenbauer und Puppenmechaniker, mit meiner Freundin
und Nachbarin, der Kostümbildnerin Aglaia Lang, fertigte ich Bühnenbilder
und Kostüme an. Markus Schirmer begleitete am Flügel die kurzen
Stücke beziehungsweise führte das Publikum in einer Art musikalischer
Conférence von Minidrama zu Minidrama. Eines fand sich in der
allerersten Vorstellung (Der Tod und das Mädchen), das, einen Tag
zuvor und unter der Regie von Markus Hinterhäuser fertiggestellt,
auf den Punkt brachte, was man im besten Sinn die »Unschuld vor
dem ersten Mal« nennen könnte. Es klappte, wir haben noch
Jahre lang die meisten dieser Stücke gespielt, von Programm zu
Programm um einige neue ergänzt. Die neugierigen alten Frauen von
Daniil Charms befinden sich noch heute in unserem Repertoire. Im Publikum
saßen H.C. Artmann und Wolfi Bauer, Franz Innerhofer und Gert
Jonke, Heidi und Max Droschl, Markus Hinterhäuser, Liesl Sertl,
Marlene Ropac und viele andere. Ihre Begeisterung, ihr Appell weiterzumachen,
hat uns ermutigt, diesen Abend nicht als einen einmaligen »Salonabend«
stehen zu lassen. Es folgte heftiges Üben, ja geradezu einer Art
»Nachsitzen«, um Versäumtes nachzuholen: sowohl in
der Theorie als auch in der Praxis. Ich reiste öfter als früher
zu den Puppentheaterfestivals, und wir sahen uns jede erreichbare Puppentheatervorstellung
im deutschsprachigen Raum an. Schon bald gingen wir mit unseren Kabinettstücken
in öffentliche Räume: zuerst in Wirtshaussäle, wo sich
vortrefflich in Kegelbahnen spielen lässt. Dann erste Gastspielauftritte,
erste Festivalteilnahmen. Ernst M. Binder, der Leiter des Theaterreferats
im Forum Stadtpark, lud uns sehr bald ein, unser erstes Minidramen-Programm
dort zu zeigen, denn wir spielten ja auch »Stadtpark«-Autoren.
Doch immer wieder »störten« wir mit unseren Probenwünschen
den Betrieb des durch viele Referate überlasteten Hauses; so war
schon mal zu hören: »Ah, die Reichert, mit ihrem Kasperltheater
« auch wenn die Urheberin dieser Worte, soviel ich
weiß, bis heute in keiner Vorstellung war es war ein großartiger
Hinweis! Diese »Kasperltheater«-Schublade, voll gepackt
mit Vorurteilen, musste thematisiert werden! Ein zweites Minidramenprogramm
entstand und wurde im Forum Stadtpark uraufgeführt, in seinem Zentrum
das Kasperlstück von H.C. Artmann punch und judy wir beauftragten
Olga Neuwirth mit einer Bühnenkomposition, sodass aus dem »Kasperltheater«
eine veritable Puppenoper wurde (2003 zuletzt aufgeführt und zu
den »Klangspuren« eingeladen durch Thomas Larcher, von dem
wir auch ein Stück im Repertoire haben: Ein Stück für
vier geschickte Hände und zwei debile Klaviere, 1989). Über
Vermittlung von Wendelin Schmidt-Dengler steuerte Alexandra Millner
den Aufsatz »Die Geschichte vom ewigen Kasperl« für
das Programmheft bei.
Nach 7 Jahren Kabinetttheater in Graz fanden wir in der Wiener Porzellangasse
einen Raum, der nach einem heftigen Umbau Werkstatt, Theater
und einen veritablen Zuschauer- und Wohnraum beherbergt. Er wurde, wie
die Zuschauer immer wieder betonen, tatsächlich so etwas wie ein
»Salon« in dieser Stadt, man sagt sogar, es sei der letzte
seiner Art.?In 15 Jahren sind viele neue Programme entstanden: Unter
anderem fand hier am 23. 12. 2004, zwei Tage später als die allererste
Aufführung des Kabinetttheaters vor beinahe 21 Jahren in Graz,
die ca. 150. Vorstellung von Hugo Balls Krippenspiel. Concert
bruitiste, den Evangelientext begleitend statt. So wurde der ca. 6.000.
Bratapfel gefüllt, dessen Duft während der Aufführung
ganz »gesamtkunstwerklich-dadaistisch« in den Theaterraum
zieht und nach der Vorstellung an jenen Tischen verzehrt wird, an denen
viele Besucher schon seit 9 Jahren i h r e Kabinetttheater-Weihnacht
zelebrieren.
Der Vorhang fällt hier ziemlich erschöpft, indes auf der
Hinterbühne sich die verschiedensten Puppen für die nächsten
Proben aufwärmen.
Der letzte Akt mit der tumultarischen Schlußszene
hatte sie wohl sehr angestrengt: Apathisch lehnten die einen an den
Kulissen, andere stützten sich mehr liegend als sitzend auf Versatzteile
und Requisiten. Das verlangte Rücksicht; indes auch meine Bemerkung,
daß es mir leid tat, sie in so erschöpftem Zustande anzutreffen,
den allerdings die vorhergehende Leistung begreiflich mache, kalt aufgenommen
wurde. »Unsinn!« versetzte der jugendliche Liebhaber mürrisch,
»von physischer Abspannung kann ja bei uns nicht die Rede sein.
Wie sie sehen« hier sprang er ein paar mal senkrecht in
die Höhe, wohl ums Dreifache seiner Leibeslänge »im
Gegenteil[
] verärgert sind wir«, unterbrach ihn
die hübsche Schäferin, »weil wir nicht sofort weiterspielen
dürfen. Immer wieder reißt man uns mitten aus der Handlung,
spannt uns mit ungelösten Konflikten auf die Folter; als ob wir
gewöhnliche Schauspieler wären! Die mögen zur Erholung
zwischendurch in die Alltäglichkeit ihrer Existenz zurückfallen:
[
] Wir sind, richtig besehen, nicht mehr und nicht weniger als
der zwiefach geläuterte Geist der Poesie, ja, ihre Gestalt gewordene
Quintessenz. [
] Wir sind, was wir vorstellen, ganz und gar
und: Wir brauchen keine Pause!«?(Max Unold: Interview mit Marionetten
(1968), S.194 und 197)
In: Alexandra Millner (Hg.): Niemand stirbt besser. Theaterleben und
Bühnentod im Kabinetttheater. Wien: Sonderzahl 2005, S. 916
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