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Durch das geöffnete Fenster fällt die Sonne, zerschellt oder
zerplatzt auf den Bühnenboden. Der Mond hängt von Seilen gehalten
am Himmel oder lose baumelnd an einem Nagel. Schauspieler verbrennen
vor Liebe, fahren aus der Haut, wenn sie nicht über ihren Schatten
springen können, den langen Schatten, den sie werfen. Wenn sie
ihren Text nicht beherrschen, verlieren sie einfach ihr Gedächtnis
und nehmen bei der Probe ihren vor Wut kochenden Regisseur auf den Arm,
der sich die Seele aus dem Leib brüllt. Sprachbilder, oft reine
Redewendungen, hab ich mir immer bildlich vorgestellt. Vielleicht
war das der erste Hinweis auf ein Theater, das unter anderem den Auftrag
hat, die Metapher zu bauen. Als eines der ersten Stücke wählten
wir zusammen mit der Komponistin Olga Neuwirth eine kurze Erzählung
von Daniil Charms aus, Die neugierigen alten Frauen.
Eine alte Frau lehnte sich aus übergroßer Neugierde zu weit
aus dem Fenster, fiel und zerschellte.
Aus dem Fenster lehnte sich eine zweite alte Frau und begann, auf die
Tote hinabzuschauen, aber aus übergroßer Neugierde fiel auch
sie aus dem Fenster, fiel und zerschellte.
Dann fiel die dritte alte Frau aus dem Fenster, dann die vierte, dann
die fünfte.
Als die sechste alte Frau hinausgefallen war, hatte ich es satt, ihnen
zuzuschauen, und ging auf den Malzew Markt, wo man angeblich einem Blinden
einen gestrickten Schal geschenkt hatte.
Es standen uns zwei Übersetzungen zur Verfügung, die in einem
wesentlichen Verbum divergierten: das russische Wort »rasbilas«
hieß in der einen Übersetzung »sie brach sich das Genick«.
Doch viel später sollte sich herausstellen, dass Peter Urbans Übersetzung
(»sie zerschellte«) nicht nur dem Original, sondern auch
unseren Umsetzungsmöglichkeiten am nächsten kam, ja, sie sogar
nachhaltig »diktierte«. Für die ersten Vorstellungen
stellte ich serielle Köpfe aus Kunstkeramik her, die nach dem Sturz
aus dem Fenster am Boden vor der Bühne zerbrachen. Die Gesichter
der »neugierigen, alten Frauen« waren austauschbar und ausdruckslos.
Um den notwendigen Grad an Abstraktion zu erreichen, vor allem beim
Herstellen von »menschlichen Puppen« im Gegensatz zu Objekten,
arbeite ich ohne Bemalung der Gesichter, doch mit scharfen Konturen;
der Spieler sucht sich das Licht in der Bewegung und damit den Ausdruck
für seine Figur.?Dann war da eines Tages, als ich zum wiederholten
Mal an einem Haus in der Grazer Vorstadt vorbeispazierte, dieses Bild:
offenes Fenster im ersten Stock, Kissen zum Aufstützen der Ellbogen,
Kaffeehäferl zum Durchhalten, daneben eine Kronenzeitung und ein
kleiner, kläffender Hund gemütlich eingerichtet für
die doch anstrengende Tätigkeit war da wieder die alte Frau mit
ihrer keifenden Stimme, neben sich eine Kaffeetasse
das wars!
Davon ausgehend, dass im Puppentheater Abstraktion durch die Projektion
der Rolle in ein Objekt stattfindet, war das mein Objekt, mein Bild!
Das Material hat ein Gedächtnis! oder wie mein Freund Reinhard
Lettau einmal nach dem Besuch des Kabinetttheaters sagte: »Auch
Dinge haben Tränen.« Das Objekt, die Tasse, wird zum »Subjekt«
erhoben und »spielt« eine Tasse, die den Kopf einer neugierigen
alten Frau spielt: Da gibt es die Mokkamäßige, deren Henkelnase
hübsch nach oben gebogen oft noch einen abgeschlagenen Goldrand
besitzt; da gibt es die 50er-Jahre-Lilienthaldamen mit asymmetrischen
exzentrischen Nasen in allen Pastelltönen; da gibt es die feinen,
beinahe durchsichtigen Melangedamen, an deren Nasen noch die Erinnerung
an einen abgespreizten, kleinen Finger klebt, und die klobigen Häferlgesichter,
die einen an kalt gewordenen, dünnen Milchkaffee denken lassen,
mit derben Blumenmustern und noch derberen Sinnsprüchen. Ab und
zu mischt sich auch eine fast echte Zwiebelmustrige dazwischen, als
sei sie gerade von einem bürgerlichen Kaffeetisch mit Gugelhupf
aufgestanden und »aus übergroßer Neugierde« in
die Niederungen der Gassenobservation geraten. Jede Tasse erzählt
eine Geschichte, ihre Form verleiht den Gesichtern ein zwar mäßig
individuelles, doch der Funktion untergeordnetes, gleichförmiges
Aussehen. Die sechs alten Frauen auf dem Malzew Markt, die sich »zu
weit aus dem Fenster lehnten, fielen und zerschellten«, sterben
einen »totalen« Theatertod und das im Kabinetttheater,
in den ehemaligen Werkstatt-Räumlichkeiten der »1. Wiener
Porzellanmanufaktur« im Hof der Porzellangasse 49 im Wiener Alsergrund
Der Sprecher, jetzt in der Montur eines Sanitäters, kehrt
den eine ganz eigene Klangfarbe entwickelnden Scherbenhaufen
vor der Bühne weg.
Jahre später, als wir das Stück im russischen Original bei
einem Festival in Odessa spielten, fragten wir eine Studentin, die Christopher
Widauer die russische Aussprache lehrte, nach ihrer Assoziation zum
Wort »rasbilas« sie antwortete mit einer Metapher:
»Ungefähr so, als würde ein Gegenstand, z.B. aus Porzellan,
aus großer Höhe fallen und am Boden zerbrechen.«
Um mit Konstanty Ildefons Galczynski, dem Meister absurder Regieanweisungen,
zu sprechen, fällt hier der Vorhang dem Anlass entsprechend als
Leichentuch.
In: Alexandra Millner (Hg.): Niemand stirbt besser. Theaterleben und
Bühnentod im Kabinetttheater. Wien: Sonderzahl 2005, S. 1718
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